Hochspringen fair und sinnvoll abtrainieren

Anspringen und Hochspringen fair und sinnvoll abtrainieren.

Das Nicht-Anspringen ist ein wichtiger Bestandteil einer guten Erziehung und häufig recht komplex, weil tatsächlich sehr viele Faktoren eine Rolle spielen.

Hunde können nur schwer verstehen, eine unerwünschte Handlung einfach nicht zu tun. Wesentlich schneller können sie das erwünschte Verhalten erlernen, wenn man ihnen eine Alternative bietet und diese zuverlässig verstärkt.

Hunde, die innerhalb der Familie häufig Zuwendung beim Hochspringen erfahren oder sogar anschließend das eingeforderte Leckerchen erhalten, werden dieses Verhalten bei fremden Personen oder Besuchern auch zeigen. Wird das nicht gewünscht, muss die ganze Familie an einem Strang ziehen.

Alle Familienmitglieder sind dafür verantwortlich, dass Begrüßungen freundlich, aber ruhig ablaufen.

Unerwünschtes Verhalten einfach bestrafen?

Schimpfen oder ähnliche aversive Maßnahmen führen aus den folgenden Gründen langfristig nie zum Ziel:

  1. Anspringen kann für viele Hunde eine selbstbelohnende Handlung sein, d. h. es werden Glückshormone ausgeschüttet unabhängig von der Konsequenz. (Deshalb ist auch Ignorieren keine ausreichende Lösung.)
  2. Schimpfen zählt unter Strafe. Damit Strafe lerntheoretisch funktionieren kann, müssen so viele Bedingungen erfüllt werden, dass die korrekte Umsetzung in diesem Kontext unmöglich ist. Abgesehen davon bringt Strafe auch immer Nebenwirkungen mit sich.
  3. Auch Schimpfen und Strafen ist erstmal Aufmerksamkeit. Und Aufmerksamkeit ist das, was der Hund möchte. Auf diese Weise ist jede Art der Zuwendung (auch wenn sie in diesem Moment negativ ist) für den Hund belohnend.

Ziel

Der Hund lernt eine Strategie, mit welcher er Annäherung, Begrüßung oder Kontakt mit einer anderen Person auf erwünschte Weise erfahren kann. Die Strategie lautet: Alle vier Pfoten auf dem Boden (Steh, Sitz oder Platz). Diese Alternative muss sich für den Hund immer lohnen!

Aufbau im Alltag

Der Hund lernt, dass höfliches Verhalten, sitzen oder auf-allen-vier-Beinen-stehen in entsprechenden Situationen zum Ziel der Interaktion führt. Ruhiges, erwünschtes Verhalten bedeutet also Zuwendung: eine freundliche Ansprache, Futterbelohnungen oder Streicheln (sofern der Hund das mag).

Hochspringen hingegen führt dazu, dass alles Schöne endet. Die Person wendet sich sofort kommentarlos (!) ab, sieht und spricht den Hund nicht mehr an. Vorherige Streicheleinheiten hören sofort auf.

In diesem Wechsel (TIMING) lernt bereits der Welpe sehr schnell, dass er selbst steuern kann, ob er die Aufmerksamkeit bekommt, oder eben nicht. Er lernt an seinem Verhalten.

Welpen und Junghunde werden immer so geführt, dass sie im Idealfall nichts falsch machen können! Die Begrüßung findet also vorbeugend schon unten in der Hocke statt, damit der junge Hund gar nicht erst springen muss! Zusätzlich kann man selbst – oder als Halter in der Begrüßung mit einer anderen Person – den Hund mit einem Finger im Halsband oder besser Geschirr so sichern, dass er keine Chance zum Springen hat.

Zuhause ist Management gefragt. Damit der Hund beim Aufmachen der Türe nicht bereits entgegenfliegt, hilft ein Türgitter vor dem Flur oder das Spiel mit der Sitzdose (siehe unten).

Es gibt zwei weitere Möglichkeiten, dass Anspringen proaktiv zu verhindern: entweder geht man im richtigen Timing einen schnellen Schritt zurück, so dass der Hund praktisch ins Leere springt. Oder man teilt dem Hund körpersprachlich deutlich mit, dass dieses Verhalten nicht erwünscht ist, indem man sich groß macht und einen deutlichen Schritt auf den Hund zugeht. Sind alle vier Pfoten auf dem Boden, muss dieses Verhalten sofort belohnt werden.

Beide Methoden eignen sich nicht in Begrüßungssituationen.

Aufbau im Training

Der Hund ist angeleint. Die Leine ist so neben dem Körper nach unten gesichert, dass der Hund entspannt sitzen und stehen kann, er für das Hochspringen aber keinen Schwung holen und sich somit nicht weh tun kann!

Ein längeres ruhiges Stehen oder Sitzenbleiben bedeutet zum einen ständige Verstärkung durch die Bezugsperson und zum anderen, dass die andere Person näherkommt. Zu Trainingszwecke wird die Art der Ansprache durch die Hilfsperson kleinschrittig schwieriger gestaltet bzw. hat die Hilfsperson Futter oder Spielzeug sichtbar in der Hand. Es wird jedoch im Idealfall immer so trainiert, dass der Hund keinen Fehler machen kann und von Erfolg zu Erfolg geführt wird.

Versucht der Hund doch nach oben zu kommen (auch wenn er durch die Leine gehindert wird), hört alles Schöne auf.

Wenn diese gestellte Trainingssituation mit unterschiedlichen Personen und Verleitungen gut klappt, kann die Leine weggelassen werden. Die Regeln bleiben die gleichen.

Wichtig

  • Dieses neue höfliche Verhalten muss in vielen Situationen, mit unterschiedlichen Personen an unterschiedlichen Orten kleinschrittig geübt werden, damit es im Alltag funktioniert und Bestand hat. Gleichzeitig muss über Managementmaßnahmen dafür gesorgt werden, dass der Hund keine positiven Erlebnisse durch Hochspringen erfährt.
  • Die erneute Belohnung nach dem Hochspringen setzt erst nach einem gewissen Zeitraum (3-5 Sekunden) des „Brav-seins“ ein, damit keine Handlungskette entsteht (springen – stehen – Futter/Zuwendung).

Höflichkeits-Übungen

Der Hund wird am Geschirr an einem festen Objekt angeleint. Er sollte maximal einen Meter Bewegungsradius haben. Die Bezugsperson geht etwa 5-15 Meter weg, je nach Erregungslage des Hundes. Sobald der Hund ohne Signal ein angenehmes Verhalten zeigt (sitzen, liegen, entspannt stehen) geht die Person wieder zum Hund zurück. Bleibt der Hund in seiner gewählten Position, wird er ruhig gelobt und hochwertig belohnt. Dieser Ablauf wird noch ein paar Mal wiederholt.

Springt der Hund auf, folgt das sofortige Abwenden und Stoppen der Annäherung. Der Hund lernt wieder über Versuch und Irrtum und kommt im Idealfall zur Ruhe.

Diese Übung eignet sich nicht für alle Hundytypen. Wenn dein Hund mit großem Stress auf das Anleinen reagiert, muss mit dem Training an ganz anderer Stelle und kleinschrittiger begonnen werden.

In der zweiten Übung befindet sich der Hund ohne Leine im Nahbereich des Menschen. Die Bezugsperson hält ein begehrtes Spielzeug oder Futter in der Hand in Bauchhöhe. Springt der Hund in Vorfreude direkt los, bleibt das unkommentiert und der Hund hat selbstverständlich kein Erfolgserlebnis. Sobald sich der Hund ohne Signal hinsetzt oder ruhig steht, wird er nach 3 Sekunden mit ruhiger Stimme gelobt und das Objekt der Begierde freigegeben. Der Hund lernt praktisch Bitte zu sagen!

Hinweis

Es gibt auch Situationen, in denen das Hochspringen an der Bezugsperson einen Hilferuf des Hundes bedeutet. Häufig sieht man dieses Verhalten in Hundespiel-Gruppen, in denen sich der Hund allgemein oder kurzzeitig situativ nicht mehr wohl fühlt. Hier wäre Schimpfen oder Strafen fehl am Platz.

Ebenso zeigen viele Hunde das Anspringen außerhalb von Begrüßungssituationen, wenn sie sich auf einem hohen Erregungs- und Stresslevel befinden oder frustriert sind. Dieses Übersprungs- oder Konfliktverhalten muss getrennt betrachtet und über eine Veränderung der Situation oder allgemeinen Lebensweise des Hundes unter Kontrolle gebracht werden.

Dis Sitz-Dose

Durch diese Übung wird der mit der Situation ursprünglich verknüpfte, hohe Erregungszustand reduziert. Nur ein entspannter Hund ist in der Lage, sich zu regulieren und statt Springen ein akzeptables Verhalten zu erlernen.

Eine Dose mit Leckerchen wird zum optischen Sitzsignal für den Hund. Dazu wird die Dose sichtbar mit Futter gefüllt und dem Hund wortlos gezeigt. Sobald er sich setzt, folgt das Markersignal und eine Belohnung aus der Dose. Während er frisst, wandert die Dose hinter den Rücken. Auf diese Weise kann man einige Wiederholungen üben. Dis Dose wird zum Signal für ruhiges Sitzen. Springt der Hund hoch, bleibt dieses unerwünschte Verhalten unkommentiert.

Im weiteren Verlauf wird an verschiedenen Orten und in unterschiedlichen Erregungslevels des Hundes trainiert. Dann üben die Familienmitglieder beim Heimkommen. Das heißt, die Dose befindet sich vor der Haustüre. Es dürfen auch gerne einige Futterstücke auf den Boden geworfen werden, damit der Hund nicht nach dem ersten Leckerchen doch noch hochspringt.

Funktioniert auch das, kann künftig jede Person, die zu Besuch kommt, die Dose als Symbol zeigen. Der Halter markert das gewünschte Sitz, die Belohnung kommt vom Besucher oder dem Halter.

Danach erfolgt eine ruhige Begrüßung. Ist der Hund trotzdem noch zu aufgeregt, kann ein alternatives Verhalten wie „Sitz“ abgefragt werden.

Das „Unten“-Signal

Wörter wie „unten“ oder „runter“ werden im Alltag fast immer gegeben, wenn der Hund bereits mit den Pfoten nach oben geht oder schon am Menschen hängt. Dadurch bekommt das Signal „runter“ ungewollt die Bedeutung des Hochspringens. Das heißt, das neue Signal „unten“ kommt zukünftig immer dann, wenn der Hund noch alle vier Beine zuverlässig am Boden hat. Diese Position wird mit Markersignal und Futter verstärkt. Das wird wie immer zunächst ohne Ablenkung in ruhigen Situationen geübt. Im weiteren Verlauf werden Ablenkung und Schwierigkeitsgrad kleinschrittig gesteigert. Dadurch lernt der Hund ein erwünschtes Alternativverhalten auf Signal.

Passanten

Es liegt in der Verantwortung des Halters, den eigenen Welpen/ jungen Hund vor begeisterten Passanten zu „beschützen“. Recht häufig erhalten sie sonst für das Hochspringen positives Feedback, und das Verhalten wird verstärkt. Agieren statt Reagieren! Entsprechende Managementmaßnahmen, wie die Schleppleine oder den Welpen auf den Arm zu nehmen, verhindern, dass Spaziergänger die Erziehung kaputtmachen.

Sieht der Hund sehr aufmerksam in Richtung eines Passanten, bekommt er frühzeitig eine einfache Aufgabe. Der Fokus wird umlenkt. Das kann eine einfache Übung sein, ein Warte-Kommando am Wegrand, etwas Apportieren oder Tragen, ein kleiner Richtungswechsel, eine Futtersuche am Boden, das Schlecken an der Futtertube, etc. Wichtig ist nur, dass jede Form der Beschäftigung ruhig und entspannt durchgeführt wird. Eine Fremdperson soll nicht Hektik und Anspannung ankündigen. Der Hund wird beschäftigt und hat keine Zeit, sich intensiver mit der Fremdperson auseinanderzusetzen. Das Ziel ist eine neutrale Emotion gegenüber der Person und die Lernerfahrung, dass die Bezugsperson deutlich spannender ist.

Im Freilauf kommt im Zweifel ein gut trainierter Rückruf zum Einsatz, der hochwertig belohnt wird, um zu verhindern, dass der Hund einem Passanten ungefragt „Hallo“ sagt.

Wichtig ist, dass die eigene Körpersprache signalisiert, dass kein Kontakt gewünscht ist. Das heißt, Zehenspitzen und Schultern zeigen leicht von der Fremdperson weg, das Passieren erfolgt im leichten Bogen. Es kann von einem jungen Hund nicht erwartet werden, dass er sich nicht für die Person interessiert, wenn der Halter direkt darauf zu steuert!

Gespräche mit anderen Personen draußen, zu denen der Hund keinen Kontakt aufnehmen soll, werden im Idealfall vorher geübt und entsprechend geleitet. Das bedeutet, der Hund braucht ein sinnvolles Kommando (Sitz, Platz, Warte) und hat zuvor gelernt, dieses auch unter Ablenkung für einen gewissen Zeitraum zu halten.

Ist der Kontakt zur anderen Person von allen Seiten erwünscht, kann der Hund über Leckerlis am Boden gehalten werden. Auch kann die Leine wie bereits geübt durch Draufsteigen so gesichert werden, dass der Hund bequem stehen und sitzen kann, aber am Hochspringen gehindert wird. Wenn die Interaktion mit der Fremdperson für den Hund sehr schön war, weil er wahrscheinlich mit Aufmerksamkeit überschüttet wurde, muss diese Begegnung vom Halter getoppt werden. Im Moment der Trennung kommen also z. B. besonders hochwertige Futterbelohnungen zum Einsatz, ein kleines Rennspiel, oder eine Übung / ein Spiel, was der Hund besonders gerne mag.

Sonst macht der junge Hund unter Umständen schnell die Lernerfahrung: die Bezugsperson ist nur Begleitung und außerdem dafür verantwortlich, dass Schönes endet. Spaß und Zuwendung und zusätzliche Aufmerksamkeit von allen Seiten erfährt er aus seiner Sicht vermehrt in Situationen mit fremden Personen.*

Ist der Halter insgesamt zu gewöhnlich, und langweilig, wird automatisch jeder Passant umso spannender. Ein Spaziergang bedeutet gemeinsam unterwegs sein. Auf die freiwillige Orientierung zur Bezugsperson muss immer ein positives Feedback folgen. Ansprache gibt es nicht nur für Kommandos oder Verbote. Der Halter leitet auch einfach schöne Interaktionen ein, interessiert sich für die Dinge, die auch der Hund toll findet und ist souveräner Orientierungspunkt.

*Auszüge aus dem Werk „Einfach brav“ von Celina del Amo

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